Le Tour

Gute drei Monate sind vergangen, seit ich zum letzten Mal Sportlerinnen in Aktion fotografieren konnte – seitdem war das so nicht mehr möglich. Mittlerweile aber werden immer mehr Beschränkungen gelockert und seit ein paar Wochen ist das erste Outdoor-Training wieder möglich.

Kommentar

Neulich bin ich dann durch Zufall auf den Etappenplan der diesjährigen Tour de France gestoßen. Im Gegensatz zu vielen anderen sportlichen Großveranstaltungen wurde die nämlich nur verschoben, nicht abgesagt, und soll ab Ende August stattfinden.

Ob das angesichts der Risiken aktuell eine gute Idee ist, soll hier nicht Thema sein. Stattdessen möchte ich mich mit dem einen Aspekt beschäftigen, der mit der Tour de France im Grunde Hand in Hand geht – Doping. Denn während meine ersten Gedanken beim Anschauen der Streckenplanung waren, wann und wo ich die Chance bekommen kann, Bilder der Tour zu machen, kam später dann auch Zweifel dazu. Immerhin gibt es in Deutschland bereits eine Geschichte der Nicht-Berichterstattung: ARD und ZDF haben ihre Liveübertragung 2007 und 2008 nach Doping-Skandalen abgebrochen. Vier Jahre später haben beide Sender die Ausstrahlung der Tour dann boykottiert – in Deutschland war Le Tour lediglich auf Eurosport zu sehen. Seit 2015 allerdings berichtet die ARD wieder live von der Tour, zeigt in one sogar jede Etappe von Beginn an.

Offensichtlich gibt es hier also Anlass, nicht nur den Grundsatz der kritischen Berichterstattung zu wahren sondern auch darüber nachzudenken, ob eine Berichterstattung überhaupt angebracht ist.

Zunächst sollten wir uns dazu kurz vor Augen führen, worin genau das Problem beim Doping besteht und welche Parteien ein Interesse am Doping haben.

Das offensichtlichste Problem am Doping ist, dass sich einzelne Fahrer einen Leistungsvorsprung gegenüber anderen verschaffen und zwar nicht nur durch Training sondern über die natürlichen Grenzen des eigenen Körpers hinaus. Das führt zu einem unfairen Wettbewerb, da nicht dopende Athleten die Leistungen ihrer dopenden Konkurrenten schlicht nicht erreichen können. Zusätzlich dazu erfolgt ein Betrug am Publikum bzw. der Öffentlichkeit. Es wird suggeriert, dass die erbrachte Leistung auf natürlichem Wege möglich ist, dass Menschen mit entsprechendem Training in der Lage sind, gewisse Anstrengungen zu leisten – die sie in Wahrheit allerdings nur dank der unerlaubten Unterstützungbewältigen konnten.

Interesse am Doping haben somit verschiedene Parteien. Zunächst natürlich die dopenden Sportler selbst: sie können sich gegenüber ihren Gegnern einen Vorteil verschaffen und dadurch ein besseres Ergebnis erreichen. Allerdings können auch Veranstalter und Offizielle Nutzen aus dem Doping der Sportler ziehen. Wenn nämlich die Athleten bessere Leistungen erzielen, stärker an die Grenzen des machbaren gehen, werden die Wettbewerbe in gewisser Weise attraktiver zum Zuschauen. Würden sich Leistungen nicht über die Jahre immer weiter verbessern, würden Rekorde nie eingestellt werden, weil sie genau an der Grenze des menschlich möglichen überhaupt erst aufgestellt wurden, dann würde möglicherweise das Interesse daran über die Zeit sinken. Schon 1999 hat der damalige Vorsitzende des Weltradsportverbands UCI Hein Verbruggen sich entsprechend geäußert:

Wenn die Leute damit zufrieden wären, dass die Tour de France mit 25 km/h gefahren wird, gäbe es kein Doping-Problem. Wenn man aber 42 km/h will, gibt es nur einen einzigen Weg, das zu erreichen: Mit Doping … Dies ist das grundsätzliche Problem, das sich mit entsprechenden Kontrollen minimieren, aber nicht beseitigen kann.

Hein Verbruggen

Angesichts dieser Vorgeschichte kann man nun überlegen, Doping für den Profisport zu legalisieren, wie das z.B. Sportmediziner Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung, bereits 2013 vorgeschlagen hat. Solange das aber noch nur ein Vorschlag ist, muss also irgendwie anders mit der Situation umgegangen werden.

Mein Plan ist daher ein Kompromiss. Ich schließe für mich nicht aus, über die Tour de France zu berichten – wenn ich das mache, dann aber immer in dem Wissen, dass Doping ein scheinbar geduldeter Aspekt der Tour ist.